Sturmfluten und Deichbau bei Ribe
Sehr oft kann man einen hohen Wasserpegel in Ribe beobachten, der mehrmals im Jahr bis hinauf zum Wall bei der Danhostel Familien- und Jugendherberge reicht. Dann können wir mit einem „Meeresblick“ prahlen. Aber das Wasser kommt nicht vom Meer, sondern staut sich an, da das Wasser des Flusses nicht ins Meer abfließen kann, weil die Kammerschleuse geschlossen ist. Diese schließt sich, wenn der Pegelstand des Meerwassers über dem des Flusswassers liegt.
An der Schiffbrücke gegenüber der Familien- und Jugendherberge steht eine Sturmflutsäule. An ihr ist abzulesen, wie hoch das Wasser bei den unterschiedlichen Sturmfluten in Ribes Straßen stand. So wird einem verständlich, warum die Bewohner Ribes die Nordsee fürchten. In regelmäßigen Abständen überspülte das Wasser die Marsch und zerstörte Häuser und Wege Ribes. Um Ihr Leben zu retten, flüchteten die Bewohner und Tiere auf höher gelegene Stellen. Den höchsten Wasserstand mit 6m über dem normalen Hochwasser erlebte Ribe 1634, abzulesen am obersten Ring der Säule. Damals ertranken rund 8000 Menschen und mehrere Tausend Vieh. Selbst im Dom stand das Wasser 1,70m hoch. Am Pfeiler hinter der Kanzel ist der Wasserstand von 1634 markiert.
Der Deich bei Ribe
Trotz der vielen Sturmfluten vergingen noch mehrere hundert Jahre, bevor man sich einigen konnte, den 15km langen Ribedeich zu bauen, der von Tjæreborg im Norden bis Vester Vedsted im Süden von Ribe verläuft. 1912 begann man mit dem Bau. Kurz vor der Vollendung kam es zu einem schrecklichen Unwetter. Das Wasser stieg und stieg. In den Hauptstraßen und an der Schiffbrücke konnten Schiffe fahren. Auch in der Fiskergade stand das Wasser hoch. Hier saß der Zimmermann Apitz auf einem Küchentisch mit den Füßen im Wasser und sang vor Freude. Seine Frau hatte ihm nämlich in der gleichen Nacht einen Sohn geboren. Der Junge erhielt den Namen Hermann Stormflod (Sturmflut), aber wurde eigentlich nur flod (Flut) genannt. Dies erschien niemanden merkwürdig, kannte man doch andere Jungen, die Ebbe genannt werden.
Bei der Familie Frandsen im Seminarvej zerbrach die Außentür und das Wasser floss in Strömen rein. Schon bald erreichte es die Tagesstube und strömte über die Türschwelle. Die Familie hatte bereits elektrisches Licht, das aber ausging, da der Zähler sich im Keller befand. Im Dunkeln musste sie die Treppe hinauf zum Dachboden finden. In dieser Nacht konnte selbstverständlich keiner schlafen.
Am nächsten Tag war der Wasserstand gesunken, aber die Möbel durchnässt. Einige waren umgeworfen und außerdem brachte das Wasser eine Menge Dreck ins Haus. Auf dem Herd in der Küche im Keller lagen kleine tote Fische. Den Rest des Wassers musste man hinausschaufeln.
Damals baute man den Deich nur bis Vester Vedsted, denn südlich davon verlief die deutsch-dänische Grenze und die Deutschen hatten kein Interesse, sich am kostspieligen Deichbau zu beteiligen. Sie bauten hingegen den Ballumdeich, der etwas weiter südlich verläuft, u.a. mit Hilfe von Kriegsgefangenen.
Erst 1923 als die Region wieder dänisch war, begann man mit dem Bau des ”Rejsbydiget”. Damit wurde die gesamte Küste von Ballum im Süden bis Tjæreborg im Norden gesichert. Doch bevor der Deich fertiggestellt werden konnte, traf die Küste eine der schlimmsten Flutkatastrophen der Neuzeit. 1 Ingenieur und 18 Deicharbeiter verloren dabei ihr Leben.
Seit dem Bau des Ribedeiches 1912 ist die Stadt von Überschwemmungen verschont geblieben. Dennoch stellen Sturmfluten eine fortwährende Bedrohung für Ribe dar, mit der die Bewohner zu leben haben, und diese Gefahr ist durch die globale Erwärmung wieder aktuell.
Wenn die Kinder eingeschult werden, erhalten sie ein Informationschreiben, um den Eltern mitzuteilen, was im Falle einer Sturmflutwarnung zu tun ist bzw. veranlasst wird. Wenn der Ribedeich 1912 nicht gebaut worden wäre, so wäre Ribe im letzten Jahrhundert ein ums andere Mal überschwemmt worden, da es so scheint, dass die Anzahl der Sturmfluten in unserer Zeit zugenommen hat. Allein im Hafen von Esbjerg registrierte man in den letzten 50 Jahren im Durchschnitt 2,2 Hochwasser im Jahr. Dies ist mehr als doppelt so viel wie in den 125 Jahren davor. Damit einhergehend ist der Wasserspiegel des Meeres gegenüber von vor 100 Jahren um 11 cm gestiegen. Für die nächsten 100 Jahre rechnet man mit einem weiteren Anstieg um einen halben Meter. Dies ist eine sehr bedrohliche Lage für die Bewohner in und um Ribe und denen vergleichbarer Orte in der Welt.
Der schlimmste Orkan
Der schlimmste Orkan der letzten 100 Jahre erreichte Jütlands Westküste am 3. Dez. 1999. Glücklicherweise war zum Höhepunkt des Orkanes Niedrigwasser. Nie zuvor hat man einen so hohen Wasserstand an der Kammerschleuse bei Ribe gemessen. Bei 5,12 ging der Anzeiger kaputt. Aber am nächsten Tag konnte man am Deich erkennen, dass das Wasser ca. 6,70m hoch stand und somit nur 30 cm unter der Deichkrone war. (Der Deich misst eine Höhe von 7,00 m)
Wenn zu dem Zeitpunkt also Hoch- statt Niedrigwasser gewesen wäre, als der Sturm seinen Höhepunkt erreichte, wäre die Katastrophe eingetroffen. Der Wasserstand wäre dann ca. 1- 1,5 m höher gewesen und hätte damit den Deich überspült und Ribe überflutet.
Für uns, die in Ribe oder auf Mandø wohnen, ist es ein ungutes Gefühl zu wissen, dass lediglich ein Zufall eine Überflutung verhindert hat. In Anbetracht der Tatsache, dass zum gleichen Zeitpunkt jedes zweite Haus beschädigt wurde, fällt es auch schwer sich vorzustellen, dass wir im Grunde ein riesen Glück gehabt haben. Am nächsten Tag ähnelte die Riberegion einem Kriegsschauplatz. Überall waren Giebel zerstört, Dächer heruntergerissen und Dachpfannen lagen in der ganzen Gegend zerstreut. Auch in der Familien- und Jugendherberge verloren wir große Teile unseres Daches. Viele ältere Bäume, aber auch ganze Wälder waren umgeknickt.
Der Orkan war schlimm, dennoch entgingen wir wie gesagt der großen Katastrophe aufgrund des Niedrigwassers entlang der Küste. Die Sturmflut richtete jedoch großen Schaden am Rejsby- und Juvredeich an. Die Deiche brachen an mehreren Stellen und machen uns deutlich, wie wichtig es ist, die Deiche zu verstärken.
Die Deiche entlang der Wattenmeerküste in Dänemark
Die Deiche entlang der Wattenmeerküste sind 6,20 m – 7,45 m hoch. Jedesmal, wenn wir eine Sturmflut haben, wird zurecht darüber spekuliert, ob die Deiche gut und hoch genug sind. Viele der älteren Deiche sind dadurch verstärkt worden, indem man ihr Profil zum Meer hin abgeflacht hat. So verlieren die Wellen bei einer Sturmflut einiges an Geschwindigkeit und Kraft auf ihren Weg hinauf zum Deich. Ist das Profil eines Deiches zu steil, haben die Wellen mehr Anfgriffsfläche und können so den Deich leichter aushöhlen. Daher sind alle neueren Deiche im Profil breiter und zur Meeresseite flacher abfallend. Neben dem Profil ist ein stabiler Sandkern ebenso wichtig für die Stabilität des Deiches. Der Sandkern wirkt wie eine Drainage und verhindert damit, dass der Deich aufweicht. Die Deiche bei Ribe haben solche Kerne, aber einige ältere bestehen aus Mischerde, die nicht so gut drainiert. Auf den Sandkern wird eine Kleieschicht von ca. ½ - 1 m Dicke gepackt auf der wiederum Gras gesät wird, das alles zum Halten bringen soll. Die Kleie wird von der Landseite des Deiches entnommen, wodurch ein Abwassergraben hinter dem Deich entsteht.
Sturmflut.
Man spricht von einer Sturmflut, wenn der Wind das Wasser gegen die Deiche presst und der Wasserstand 2,40 über NN (Normal Null) ist. Dann ist das Vorland überschwemmt und Flora und Fauna ist in Mitleidenschaft gezogen. Erreicht der Pegelstand 4,00 m über NN droht eine Überschwemmung am niedrigsten Deich, der bei Ballum liegt. Damit sind dann auch Häuser und Menschen in Gefahr.
Möchten Sie mehr über das Wattenmeer erfahren, dann können Sie hier sehen:
Fotos aus dem Wattenmeer, klicken Sie bitte hier: "Wattenmeer"
Link: "Wattenmeerzentrum Ribe"
© Danhostel Ribe. Die Geschichte dürfen mit Link zu Danhostel Ribe oder unter Nennung des Besuches in der Familien- und Jugendherberge Danhostel Ribe von unseren Gästen zu privaten Zwecken verwendet werden. Andere Verwendungen erfordern eine Genehmigung.
Übersetzung von: Menno Matthiessen









